Innenraumhygiene – Ausschreibung, Vergabe und Kontrolle

Der Standard der Qualität der Raumluft sollte vertraglich vereinbart werden


Die wirksamste Möglichkeit, dem Risiko einer zu hohen Schadstoffbelastung zu begegnen, ist die Definition wohngesundheitlicher Standards in der Ausschreibung der Planungs- und Bauleistungen. Anerkannte Kriterien beinhalten Empfehlungen und Richtlinien unabhängiger Institutionen, wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) oder dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Für die TVOC (total volatile organic compounds), also die Summe der flüchtigen organischen Stoffe, hat die Kommission Innenraumhygiene beim Umweltbundesamt Empfehlungen veröffentlicht, die eine durchaus rechtsverbindliche Grundlage bieten. Denn im Schadensfall werden sie vom Gericht anerkannt.

Um eine hohe Qualität der Innenraumluft zu sichern, müssen in der Ausschreibung die Baustoffe und Baumaterialien detailliert und eindeutig beschrieben werden. Unter Umständen sind Fabrikat-Angaben „oder gleichwertig“ vorzugeben. Alle ausgeschriebenen Materialien sind im Rahmen der Vergabe vertraglich festzulegen. Wichtig ist die Kontrolle und Überprüfung der eingesetzten Baumaterialien in Bezug auf die vertraglich vereinbarten Baustoffe. Falls von der vertraglichen Vereinbarung abweichende Produkte verwendet werden müssen, sind Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Datenblätter bzw. Nachweise bezüglich der Gleichwertigkeit des Produktes beim Hersteller anzufordern.

Vor allem bei Neubauten oder nach Sanierungen von Kindergärten, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden kommt es immer wieder zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Geruchsproblemen. Um den Auftraggebern die Möglichkeit zu geben, ihre Bauprojekte rechtssicher auszuschreiben, hat das Sentinel Haus Institut (SHI) in diesem Jahr gemeinsam mit Juristen, Baurechtsexperten sowie erfahrenen Architekten und Ingenieuren einen Leitfaden für die Innenraumlufthygiene erarbeitet. Das mit zahlreichen Formulierungsvorschlägen und praxisgerechten Hinweisen versehene Werk enthält einleitend vergaberechtliche Grundüberlegungen mit Fundstellen des europäischen und deutschen Vergaberechts. Insofern empfiehlt sich der Leitfaden auch zur Anwendung für Ausschreibungen privater Auftraggeber. Das UBA hat bereits 2008 den „Leitfaden für die Innenraumlufthygiene in Schulgebäuden“ herausgegeben, der ebenfalls Empfehlungen für die Innenraumluftqualität enthält.

Bei der Bewertung von Baustoffen kann das Portal WECOBIS hilfreich sein. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) stellt darin in Kooperation mit der Bayerischen Architektenkammer (ByAK) herstellerneutrale Informationen zu Umwelt- und Gesundheitsrelevanz (Rohstoffgewinnung, Herstellung, Verarbeitung, Nutzung, Nachnutzung) von Bauproduktgruppen und Grundstoffen zur Verfügung. Die Baustoffinformationen sind aktuell und frei zugänglich. Das Portal bietet Online-Verknüpfungen mit weiteren Informations- und Datenquellen, beispielsweise zu WINGIS (Gefahrstoffinformationssystem der Bauberufsgenossenschaft), sowie die Integration der Basisdaten aus Umweltproduktinformationen (EPD, Environmental Product Declaration) für die lebenszyklusorientierte Bewertung von Bauteilen und Bauwerken (LCA, Life Cycle Assessment).

Da aus wirtschaftlichen Gründen die Bauphase immer knapper bemessen wird, ist beim Bezug der Gebäude oft noch hohe Baufeuchtigkeit vorhanden und es erhöht sich die Gefahr der Schimmelpilzbildung. Der Feuchtigkeitsgehalt in der Luft, in den Baustoffen oder Bauteilen ist deshalb durch Feuchtigkeitsmessungen zu dokumentieren. In der Ausschreibung ist darauf hinzuweisen, dass nach Fertigstellung des Gebäudes Raumluftmessungen als Qualitätskontrolle durchgeführt werden. Die Messungen sind erst etwa einen Monat nach Beendigung der Bauarbeiten sinnvoll, da die Emissionen, verstärkt durch die Baufeuchtigkeit, bei der Fertigstellung des Gebäudes am größten sind und hohe Baufeuchte und unzureichende Austrocknungszeiten die Messwerte verfälschen. Schadstoffmessungen (Analyse und Bewertung) in Innenräumen werden beispielsweise von Umwelt-Analytik-Büros durchgeführt.

Bewertung von Bauprodukten

Um die Grundlage für eine einheitliche und nachvollziehbare gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten in Deutschland bereitzustellen, wurde 1997 der „Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten“ (AgBB) von der Länderarbeitsgruppe „Umweltbezogener Gesundheitsschutz“ (LAUG) und der AOLG ins Leben gerufen. Vertreten sind im AgBB neben den Ländergesundheitsbehörden das UBA, das DIBt, die Bauministerkonferenz der Länder ARGEBAU, die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und der Koordinierungsausschuss 03 für Hygiene, Gesundheit und Umweltschutz des Normenausschusses Bauwesen im DIN (DIN-KOA 03). Die Geschäftsstelle des AgBB ist im UBA angesiedelt.

Der AgBB hat 2012 Prüfkriterien erarbeitet und daraus ein Bewertungsschema für VOC-Emissionen aus innenraumrelevanten Bauprodukten entwickelt. Das Bewertungsschema setzt gesundheitsbezogene Qualitätsmaßstäbe für die zukünftige Herstellung von Bauprodukten für den Innenraum und soll die Entwicklung besonders emissionsarmer Produkte unterstützen.

Bauprodukte enthalten unterschiedlichste umwelt- und gesundheitsgefährdende Stoffe; sogar über das Recycling können bereits verbotene Stoffe beigemischt werden. Bisher wird vor der Vermarktung eines Produkts oft nicht ausreichend geprüft, ob es Schadstoffe freisetzt. Verbraucherinnen und Verbraucher haben jedoch das Recht auf die Information, ob in Bauprodukten besonders besorgniserregende Stoffe in Anteilen über 0,1 Prozent enthalten sind. Seit 1. Juli 2013 ist diese Information für alle Bauprodukte mit CE-Kennzeichnung Pflicht.

Text: Iris Kopf
Quelle: www.dabonline.de