VOC-Deklarationen in EU-Normen nur sehr eingeschränkt aussagekräftig


Das Umweltbundesamt hat dem Sentinel Haus Institut eine Liste der sogenannten Mandatsergänzungen für in der EU-harmonisierte Bauprodukt-Normen (hEN) übermittelt. Diese Ergänzungen sollen in Zukunft die Deklaration von VOC-Emissionen durch die Hersteller nach DIN EN 16516 regeln. Bauakteure können trotzdem in die Haftungsfalle geraten. 

Die auf den ersten Blick sehr umfassende Liste zeigt auf den zweiten Blick die sehr eingeschränkte Aussagekraft der geplanten Deklarationspflichten. So ist nur bei einem ein sehr kleinen Teil die Angabe von VOC-Emissionen verpflichtend. Im Wesentlichen sind dies solche Produktgruppen, für deren Zulassung durch das DIBt bereits früher VOC-Werte ermittelt wurden. Bei der überwiegende Zahl der Normen können die Hersteller nach der zukünftigen Mandatsergänzung auch keine Leistung erklären. Die Angabe "No performance determinded" (NPD) zeigt dann , dass der Hersteller hier keine Angaben macht.

Auf absehbare Zeit sind VOC-Deklarationen in EU-Normen, deren Daten die Hersteller von notifizierten Prüfinstituten erstellen lassen müssen, also keine Hilfe bei der Auswahl gesünderer Bauprodukte. Neben der geringen Verpflichtungswirkung hat dies vor allem zeitliche Gründe: 
 
  • Die bereits abgeschlossenen Mandatsergänzungen warten auf die Veröffentlichung im Amtsblatt der EU.
  • Weitere Mandatsergänzungen benötigen voraussichtlich mehrere Jahre, bis sie von den jeweiligen Normungsgremien verabschiedet sein werden. 
  • Die Zahl der EU-Normen mit einer VOC-Deklarationspflicht betrifft nur einen kleinen Teil der innenraumluftrelevanten Bauprodukte

Haftungsprobleme für Bauakteure
Die  steht im eindeutigen Gegensatz zu den Anforderungen der neuen "Musterverwaltungsverordnung Technische Baubestimmungen" (MVV TB), die mittlerweile in alle Landesbauordnungen integriert ist, und den dort geregelten Anforderungen an bauliche Anlagen hinsichtlich des Gesundheitsschutzes" (ABG). Hier fordert der Gesetzgeber einen Mindestschutz (vor Emissionen) zum Zwecke der Gefahrenabwehr. Für Architekten, Fachplaner, Bauunternehmen, Wohnungsbaugesellschaften und Investoren, bedeutet dies ein potenzielles Haftungsrisiko. Das Sentinel Haus Institut empfiehlt daher, auf unabhängig geprüfte Produkte zu setzen. Eine Vielzahl sind im Bauverzeichnis Gesündere Gebäude gelistet, rund 350 von ihnen ohne Anmeldung recherchierbar. Weitere rund 1.600 Produkte sind nach einer kostenpflichtigen Registrierung sichtbar. 

Mehr Transparenz bei Schadstoffen kommt – aber langsam
Die Anfang 2018 veröffentlichte Norm DIN EN 16516 geistert als „Schadstoffnorm“ durch die Fachwelt. Wir haben Helmut Köttner, Technischer Leiter Bereich Bau- und Umwelttechnik / Nachhaltigkeit des Sentinel Haus Instituts gefragt, was dahintersteckt.
 

Die Zusammenhänge erläutert Helmut Köttner, Technischer Leiter des Sentinel Haus Instituts, in einem Interview:


Herr Köttner, was ist die DIN EN 16516 für eine Norm?
Köttner: Die Norm ist eine europaweit gültige Prüfnorm. Sie regelt einerseits die Untersuchungsmethode für den aktiven Einsatz von flüchtigen, organischen, krebserzeugenden, erbgutverändernden und fortpflanzungsgefährdenden Stoffen (KMR-Stoffe) in Produkten. Und andererseits gibt sie ein Verfahren vor, mit dem die Emissionen von flüchtigen organischen Verbindungen, kurz VOC, gemessen werden. Dazu gehören zum Beispiel Formaldehyd oder Benzol, aber auch mehrere hundert weitere Stoffe.

Welche Produkte betrifft die Norm?
Köttner: Da muss man etwas ausholen: Die DIN EN 16516 ist keine Produktnorm sondern eine Prüfnorm. Wenn sie allerdings in eine europäische Produktnorm für die Erlangung des CE-Zeichens integriert ist, können die Hersteller für die entsprechenden Produktgruppen VOC-Emissionen angeben, im Fachjargon heißt das deklarieren. Laut Umweltbundesamt ist das ab 2019 für Bodenbeläge, Sportböden und manche Dämmstoffe der Fall.
 
Wie wird die Prüfung nach EN 16516 dokumentiert?
Köttner: Falls die Hersteller Angaben zu VOC machen wollen, müssen sie in der Regel Ihre Produkte bei von der EU-notifizierten Prüfinstituten nach der Norm prüfen lassen. Bei einigen Produkten darf der Hersteller auch im eigenen Labor ohne Beteiligung eines fremden Labors prüfen. Eine Zusammenfassung der Prüfergebnisse muss dann in der sogenannten Leistungserklärung (Produktdeklaration für Bauprodukte mit CE-Kennzeichnung) veröffentlicht werden. Für innenraumrelevante Bauteile sind die VOC zu deklarieren oder der Hersteller muss mit den Buchstaben NPD (no performance determined) angeben, dass er keine VOC-Prüfung durchgeführt hat. Wie die VOC-Leistungserklärung aussieht, ist aktuell auf EU-Ebene noch nicht entschieden. Zur Diskussion steht ein Klassensystem ähnlich wie in Frankreich (zum Beispiel ein Label mit den Klassen A – D nach dem Vorbild von Elektrogeräten), oder die Angabe nach den Vorgaben in der DIN EN 16516 selbst. Dann müssen die Werte direkt angegeben werden. Dabei können auch Gruppen von VOC zusammengefasst werden. Zum Beispiel die Summe aller VOC (TVOC) und einige mehr.
 
Was müssen Verarbeiter beachten? Dürfen sie vorher gekaufte Produkte weiterhin verkaufen?
Köttner: Davon gehen wir aus, wer soll das auch kontrollieren? Aber: Macht ein Hersteller eines betroffenen Bauproduktes demnächst keine Angaben zu VOC Emissionen, muss laut Umweltbundesamt der Verwender wissen, dass er das Produkt nicht verwenden darf, sonst macht er sich haftbar. Das gilt nach unserer Einschätzung auch für Architekten, Bauunternehmen und den Handel.
 
Wann beginnt die CE-Kennzeichnung mit VOC-Angaben?
Köttner: Als Anfangsfrist für die CE-Kennzeichnung mit Angaben zu VOC ist aktuell noch der 1.2.2019 vorgesehen. Jedoch ist dieses Datum voraussichtlich nicht mehr zu halten, haben wir vom Umweltbundesamt erfahren. Obwohl einige mit EN 16516 ergänzte Produktnormen (wie die DIN EN 14041 für Bodenbeläge vom Mai 2018) veröffentlicht vorliegen, hat die Europäische Kommission die Titel dieser Produktnormen noch nicht im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Daher dürfen die Hersteller noch nicht mit der CE-Kennzeichnung nach der neuen Produktnorm beginnen. Das Datum für die Veröffentlichung der Normtitel im Amtsblatt der EU ist derzeit nicht bekannt. Daher ist kein scharfes Datum für den Beginn der CE-Kennzeichnung mit Angaben zu VOC im Moment möglich.
 
Welche weiteren Produktgruppen werden betroffen sein?
Köttner: Das wird über sogenannte Mandatsergänzungen für die jeweiligen EU-Normen geregelt. Laut Umweltbundesamt sind die Mandatsergänzungen für Wandbeläge, Holz, und Holzwerkstoffe bereits erteilt. Diese werden in den nächsten Jahren folgen. Die Mandatsergänzungen für Dichtstoffe und Klebstoffe sind in Vorbereitung. Allerdings dauert das Verfahren recht lange
Wie weit sind die Hersteller mit der Umsetzung, gibt es konforme Produkte für alle Bereiche?
Köttner: Das entzieht sich unserer Kenntnis. Es gibt aber eine Vielzahl von Herstellern, die ihre Produkte bereits auf anderem Weg haben prüfen lassen (siehe unten).
 
Auf was sollten Architekten, Verarbeiter und Verbraucher achten?
Köttner: Wichtig ist, dass die DIN EN 16516 keine Grenzwerte enthält, sondern nur die Grundlage für die Deklaration darstellt. Als Architekt, Verarbeiter oder Kunde müsste man also selber schauen, ob das Produkt die jeweiligen Anforderungen erfüllt. Es kann ja auch sein, dass der Hersteller überhaupt keine VOC deklariert, zum Beispiel. Entsprechende Anforderungen können etwa in der Ausschreibung genannt sein oder notwendig sein, um einen Nachhaltigkeitszertifikat zu erreichen. Zusätzlich gibt es das neue Bauordnungsrecht, wo die Musterverwaltungsverordnung Technische Baubestimmungen (MVV TB) mittlerweile in alle Landesbauordnungen integriert ist. Diese enthält mit den Anforderungen an bauliche Anlagen hinsichtlich des Gesundheitsschutzen (ABG) ein Mindestniveau bei den Emissionsanforderungen für in Gebäuden verwendete Bauprodukte.
Als Verarbeiter oder Planer sitzt man da zwischen allen Stühlen, auch weil es eine Dokumentationspflicht gibt. Aktuell der sicherere Weg ist aus unserer Sicht auf hochwertige Gesundheitslabel zu setzen. Im Bauverzeichnis Gesündere Gebäude www.bauverzeichnis.gesündere-gebäude.de haben wir labelübergreifend die größte Zahl von Produkten gelistet, die diese hochwertigen Ansprüche an den Gesundheitsschutz erfüllen. Nach einer kostenpflichtigen Anmeldung kann man einfach der Datenbank recherchieren und sich selbst Listen zusammenstellen.
 

Helmut Köttner
Technischer Leiter Bereich Bau- und Umwelttechnik / Nachhaltigkeit
Tel. +49 (0)761-590481-77
www.sentinel-haus.eu



Die Liste der Mandatsergänzungen:  Harmonisierte Normen mit VOC-Mandat